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Quatiere Raeren und Neudorf

Quatiere Raeren und Neudorf

Der nachstehende Beitrag behandelt die Geschichte der Quatiere Raeren und Neudorf zwischen 1646 und 1794. Er wurde im Rahmen der Inventarisierung der Akten der Quatiere durch das Staatsarchiv in Eupen erstellt. Ursprünglich enthält der vorliegende Text weiterführende Informationen und Fußnoten. Diese Informationen können in der Printversion des Inventars konsultiert werden.

Alle Akten, die mit den Quatieren Raeren und Neudorf zu tun haben und sich im Staatsarchiv in Eupen befinden, können im Prinzip im Staatsarchiv in Eupen eingesehen werden. Es können für Teile der Akten auch anderslautende Bestimmungen in Bezug auf die Einsichtnahme existieren.

Falls Sie weitere Informationen zu der Institution benötigen oder gerne Akten einsehen möchten, können Sie sich gerne an das Staatsarchiv in Eupen wenden: staatsarchiv.eupen@arch.be

Geschichte

Während des Ancien Régime bestand der heutige Ort Raeren aus den „Quartieren“ Raeren und Neudorf, die bis zum 1. Oktober 1795 zwei völlig getrennte Gemeinden darstellten. Die Grenze bildete die Straße von Eupen nach Rötgen. In der Mitte der beiden lag der Ortsteil Titfeld mit der Kirche, der wohl älteste Teil der ganzen Gemeinde.

Neudorf wird zum erstenmal urkundlich erwähnt im Jahre 1266 in einer Urkunde des Aachener Marienstifts . Die erste bisher bekannte Erwähnung des Namens Raeren datiert aus dem Jahre 1400, als ein Junker Johann von Holset , genannt „von den Raederen“, der Stadt Aachen vorschlug, sich mit ihm zu versöhnen .
Die Quartiere Raeren und Neudorf gehörten zusammen mit den Quartieren Walhorn, Eynatten, Hergenrath, Hauset, Astenet, Rabotrath, Merols und Kettenis zur Hochbank Walhorn. Die Bank hatte ein eigenes Schöffengericht, das sowohl die Rechtssachen als auch die Verwaltungsangelegenheiten regelte. Der Schöffenstuhl bestand aus einem Drossard als Vorsitzenden, sieben Schöffen, dem Schreiber und dem Schultheißen . Die Verwaltungsbefugnisse der Schöffen wurden im Laufe der Zeit immer mehr zugunsten der Quartiere beschränkt, die sehr früh eine gewisse Selbstverwaltung entwickelten.
Vermutlich bereits ab circa 1500 wurden in Verwaltungsangelegenheiten, besonders wenn es sich um die Verteilung der Steuern und Kriegslasten handelte, die Bürgermeister oder Geschworenen der Quartiere zur Bankversammlung berufen. Zu allen wichtigen Entscheidungen, die die Verwaltung der Gemeinde betrafen, mußten sie vorher die Stellungnahme der Gemeindeeinwohner auf den Gemeindeversamm-
lungen einholen. Diese Versammlungen fanden jeweils sonntags nach der Messe statt. Stimmberechtigt waren einige adlige Familien, die Geistlichkeit und sämtliche Einwohner, die mindestens „8 Stuyver“ Grundsteuer zahlten. Die Gemeindever-
sammlung wählte z.B. sämtliche Beamten der Gemeinde (Bürgermeister, Boschmomber, Förster, Einnehmer, Feldhüter, …). In Raeren wurden selbst die Pfarrer und Hilfsgeistlichen von der Versammlung der Gemeindeeingesessenen gewählt. Als Versammlungsort diente für Raeren wie auch für Neudorf der Kirchhof oder die Gemeindeschule zu Titfeld.

Die Bürgermeister wurden für zwei Jahre gewählt und legten den Treueeid in die Hand des Drossards der Bank Walhorn ab. Ihre Aufgaben waren die Festsetzung der Personal- und Grundsteuerlisten, die Vertretung der Gemeinde bei den Bankversammlungen und bei Prozessen vor Gericht, die Buchführung über die Einnahmen der Gemeinde aus den „gemeyene goederen“, aus Holz- und Grasverkäufen und aus der Verpachtung der ledigen (d.h. von ihren Eigentümern verlassenen) Güter, sowie die Aufnahme von Kapitalien bei Geldgebern in Notzeiten. Die Bürgermeister waren verantwortlich für die Instandhaltung der Wege und in Kriegszeiten auch für Kriegslieferungen, Einquartierungen, Gestellung von Pferden und Wagen …
Jedes Quartier hatte auch zwei Boschmomber, die alle zwei Jahre neu gewählt wurden. Sie waren nicht den Bürgermeistern, sondern nur der Gemeindeversammlung Verantwortung schuldig. Ihnen unterstanden drei bis vier Förster und ein bis zwei Feldhüter („Opsichters“) verantwortlich für Unterhalt, Pflege und Beaufsichtigung des Waldes. Monatlich hielten die Boschmomber ihren „vroegdaegh“ ab, an dem die Förster und Feldhüter Bericht zu erstatten hatten. Der Förster hatte Strafgewalt gegen Wald- und Holzfrevler.
Jedes Quartier hatte auch einen Einnehmer („Collector“,“ Schatthever“ oder Rentmeister). Das Amt wurde in öffentlicher Gemeindeversammlung vergeben und zwar an den, der am wenigsten für die Einziehung der Gelder forderte (durchschnittlich 2 bis 3,5 %). Vor allem in Kriegszeiten traten die „Schatthever“ als Bankiers ihrer Gemeinde auf und streckten bei dringenden Zahlungen die Gelder gegen gute Zinsen vor.
Obwohl Raeren und Neudorf zwei getrennte Dörfer bildeten, bestand nur eine Pfarre. Nachdem die beiden Quartiere sich im Laufe des 17. Jahrhunderts von der Mutterpfarre Walhorn gelöst hatten, kamen sie in einem gemeinsamen Gotteshaus zusammen.


Vom Anfang des 12. Jahrhunderts bis zum Ende des Ancien Régime war das Walhorner Land Teil des Herzogtums Limburg und teilte somit dessen schicksalsschwere Geschichte, gekennzeichnet durch ständige Kriege und feindliche Einfälle.
Im 17. und 18. Jahrhundert (Zeit, aus der die Mehrheit der erhaltenen Akten stammt) trieben der Dreißigjährige Krieg (1618-1648), die Kriege Ludwigs XIV. (1688-1697), der spanische Erbfolgekrieg (1701-1714) und der Österreichische Erbfolgekrieg (1741-1748), mit einer nicht ablassenden Flut von Truppendurchzügen, Einquartierungen, Plünderungen, Brandschatzungen und Furagelieferungen, die Quartiere mehrmals an den Rand des Ruins. So wurden z.B. im Jahre 1650 die meisten Häuser Neudorfs von den Franzosen in Brand gesteckt und im Jahre 1684 in Raeren 36 Häuser in Asche gelegt. Außerdem wurde das Land regelmäßig von Mißernten, Seuchen und Krankheiten heimgesucht. Die Folge war eine grenzenlose Verschuldung der Bank und der einzelnen Dörfer, weit über ihre finanzielle Leistungsfähigkeit hinaus. Eine pünktliche Zinszahlung war bei den sonstigen Ausgaben, Steuern und weiteren Kriegsleistungen unmöglich, so daß es regelmäßig zu Exekutionen, Zwangsversteigerungen und langwierigen Prozessen mit den Gläubigern kam. Im Ganzen beliefen sich die Schulden des durch das Töpferhandwerk relativ wohlhabenden Quartiers Raeren auf zirka 60.000 und die des Quartiers Neudorf auf 40.000 Gulden.
Nach der Eroberung der Österreichischen Niederlande teilten die Franzosen am 16. November 1794 das Gebiet neu ein und beseitigten mit einem Schlag die viele Jahrhunderte alten Verwaltungseinrichtungen. Die beiden Quartiere wurden zu einer Gemeinde unter dem Namen Raeren zusammengeschmolzen.

Geschichte des Archivbestands

Die Unterlagen der Quartiere Raeren und Neudorf (S. 17 – 57) wurden um 1980 durch die Gemeinde Raeren im Raerener Museum, wo damals eine Forschungsstelle zur Raerener Geschichte eingerichtet worden war, hinterlegt und 1997, zusammen mit einer Leihgabe der Familie von Schwartzenberg aus Aachen (S. 59 – 61) und Unterlagen von Herrn Dr.phil. Michel Kohnemann zur Familienforschung mehrerer Raerener Familien (S. 63 – 64), mit dem Einverständnis der Verantwortlichen der Gemeinde Raeren, im Staatsarchiv Eupen deponiert.